FDP Ortsverband Zierenberg

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Lieber Herr von Zech,

es war sehr hilfreich von Ihnen, auf der FDP-Seite den Zugang zur

IHK-Expertise "Regionalwirtschaftliche Effekte des Flughafens

Kassel-Calden" zu installieren. Wir sollten alle versuchen, uns in der

anstehenden Diskussion mit den Argumenten beider Seiten vertraut zu

machen. Deshalb möchte ich auch auf die sehr umfangreiche und sachlich

bestens fundierte 57-seitige Broschüre "Informationen zum Neubau/Ausbau

des Flugplatzes Kassel-Calden" der 'Bürgerinitiative Ahnatal und Calden

gegen den Neubau des Flugplatzes Kassel-Calden' verweisen, die von der

BI bezogen werden kann. (Näheres unter

http://www.keinen-ausbau-ks-calden.de).

Inzwischen bin ich die 'Expertise' der IHK Zeile für Zeile durchgegangen

und habe alle (so genannten) Argumente auf ihren Gehalt und ihre Logik

abgeklopft, wie das in meinem Beruf nun mal üblich ist. Schließlich habe

ich einige Jahrzehnte lang Studien dieser Art zu begutachten gehabt.

Mir stehen jetzt die Haare zu Berge, und ich bin doch einigermaßen

erschüttert darüber, dass sowohl nordhessische Politiker wie auch die

nordhessische Wirtschaft dieses Machwerk ernst nehmen. Die Konsequenzen

könnten ja immerhin sein, dass rote Zahlen und Zinslasten des Flughafens

den Steuerzahler über Jahrzehnte einige hundert Millionen DM/Euro kosten

werden. Dass die Wirtschaft sich anscheinend nicht an der Finanzierung

dieses (angeblich für die regionale wirtschaftliche Entwicklung so

entscheidenden) Projektes beteiligen will, sollte ja bereits

misstrauisch machen. Und warum fordert gerade auch Ihre Partei der

'freien Marktwirtschaft' und der Privatinitiative, dass Staat und

Steuerzahler hier Finanzierung und Risiko tragen sollen??

Ich will versuchen, die wesentlichen Punkte meiner Kritik an der

IHK-Expertise kurz zusammen zu fassen, ohne auf andere wichtige

Argumente einzugehen, die in der Debatte ja auch eine Rolle spielen

(Kosten, Bedarf, Passagieraufkommen, Lärm, Landschaftsverbrauch,

mangelhafte Verkehrsanbindung, Verkehrsbelastung für Zierenberg,

Konkurrenz mit Paderborn usw. um das gleiche Passagierpotential,

betriebswirtschaftliche Verluste). Ich habe mir inzwischen auch die

Statistiken mehrerer deutscher Regionalflughäfen angesehen. Auch hieraus

ergibt sich, dass die IHK-Zahlen grob unrealistisch sind. Schließlich

will ich noch erwähnen, dass ich als ausgebildeter Luftfahrtingenieur

mit einigen Jahren Praxis auf diesem Gebiet mit wichtigen Aspekten der

Materie vertraut bin.

1. Fundamentale Kritik an der IHK-Expertise: Die IHK-Expertise übernimmt

die Annahmen des Szenario II des FAG-Gutachtens, d.h. 800'000 Passagiere

pro Jahr (hier FAG-II genannt). Diese Zahl wird als

betriebswirtschaftliche Rentabilitätsschwelle angenommen. Die

IHK-Expertise schließt also von vornherein durch eine schlichte Annahme

die Möglichkeit aus, dass der Flughafen zu einer finanziellen Belastung

der Region wird.

2. Die weitere Argumentation der IHK-Expertise erfolgt nach dem Schema:

"Weil (wegen der getroffenen Annahme FAG-II) der Flughafen ein Erfolg

wird, deshalb bindet er Unternehmen an Nordhessen, schafft und sichert

Arbeitsplätze, führt zu wirtschaftlichem Aufschwung, usw." Aus einem

erwünschten Ziel werden also (angebliche) Fakten abgeleitet. Das ist

natürlich nicht nur unseriös, sondern auch unzulässig.

3. Beschäftigung im Flughafenbetrieb bei FAG-II: Der Zusammenhang

zwischen Passagieraufkommen und Beschäftigten ist nicht linear (wie bei

IHK angenommen). Für einen sicheren Flugbetrieb wird eine gewisse Zahl

von Beschäftigten benötigt – egal, ob zwei Flugzeuge pro Stunde oder

zwei pro Tag abgefertigt werden. Der Flughafen Paderborn-Lippstadt hat

170 Vollbeschäftigte bei 1,36 Millionen Passagieren pro Jahr, der

Flughafen Dortmund 179 Vollbeschäftigte bei 720'000 Passagieren pro

Jahr. Eine ähnliche Zahl dürfte für den Flughafen Kassel-Calden gelten

(heute etwa 40 Beschäftigte), wenn er denn wirtschaftlich operieren

soll. Auch die abgeleiteten indirekten Beschäftigungseffekte sind daher

erheblich zu hoch.

4. Beschäftigung im Flughafen-Gewerbegebiet und bei Unternehmen in der

Region bei FAG-II: Diese Zahlen, wie auch die daraus abgeleiteten

indirekten Beschäftigungseffekte sind völlig spekulativ. Ehrlicherweise

hätte eine plausible Bandbreite angegeben werden müssen, da auch ein

Verlust von Arbeitsplätzen durch Abwanderung 'luftfahrt-affiner'

Betriebe möglich ist. Sollten sich tatsächlich die für einen

wirtschaftlichen Betrieb erforderlichen Fluggastzahlen einstellen, so

verliert der Standort für luftfahrttechnische Betriebe seine

Attraktivität (höhere Landegebühren, Verlust an Flexibilität,

Einschränkungen bei Werks- und Testflügen). Mit Abwanderungen und

entsprechenden Arbeitsplatzverlusten ist daher zu rechnen.

5. Mögliche Bandbreite der Beschäftigungseffekte bei FAG-II: Bei

betriebswirtschaftlich vertretbarer Beschäftigtenzahl im

Flughafenbetrieb und unter Berücksichtigung der möglichen Abwanderung

gewisser Firmen ergibt sich folgende Bandbreite für direkte und

indirekte Beschäftigung: Gewinn von 1050 Arbeitsplätzen bis Verlust von

750 Arbeitsplätzen. Aus heutiger Sicht ist jede Entwicklung innerhalb

dieser Bandbreite gleich wahrscheinlich.

6. Man muss bloß mal durch die Internet-Seiten deutscher

Regionalflughäfen gehen, um zu sehen, dass auch die angeblich

erfolgreichen ihre Problem haben, trotz z.T. ausreichend langer

Startbahnen: keine Linienanbindungen, kaum Charterverkehr, niedrige

Passagierzahlen (Lübeck 184'000, Braunschweig 100'000 ausschließlich

VW-Werksflüge), niedrige durchschnittliche Passagierzahlen pro Flug

(Paderborn 20.6, Dortmund 16), kaum Luftfracht trotz Zollflughafen

(Paderborn 580 t pro Jahr, Dortmund 6700 t, Braunschweig 650 t).

7. Der Luftverkehr wächst inzwischen langsamer und geht in einigen

Ländern nach den letzten Statistiken bereits zurück. Der

Verkehrsausschuss der EU fordert u.a. 1. Reduzierung des Flugverkehrs um

5% (entsprechend den Zielen der Vereinbarung von Kyoto), 2. Besteuerung

der Flugtreibstoffe (bisher weltweit unbesteuert), 3. Umweltabgaben auf

innereuropäischen Flügen. Diese (längerfristig unausweichlichen)

Maßnahmen würden das Fliegen erheblich verteuern und damit zu einer

Reduzierung des Personen- und Frachtluftverkehrs führen. Die für

Kassel-Calden prognostizierten Zahlen dürften dann kaum eintreffen.

Wenn man sich die Argumente, Zahlen und Fakten unvoreingenommen

anschaut, so kann man eigentlich nur zu dem Schluss kommen, dass die

optimale Lösung für unsere Region, für die wirtschaftliche Entwicklung

und für die Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen die technische

Sanierung des Flughafens Kassel-Calden (mit einem Aufwand von 10 bis 20

Mio DM) sein kann. Nur dann hätte auch die Erhaltung und weitere

Ansiedlung luftfahrttechnischer Betriebe unter attraktiven

wirtschaftlichen Bedingungen eine Chance. Ein Beispiel gibt

Braunschweig: Trotz fehlendem Linien- und Charterverkehr arbeiten hier

1600 Beschäftige in Betrieben der Luftfahrttechnik und

Luftfahrtforschung, was zusätzliche 4000 induzierte Arbeitsplätze in der

Region bedeutet.

Ich hoffe, dass diese Zeilen zu eigener kritischer und sachgerechter

Meinungsbildung beitragen.

Mit freundlichen Grüßen

Hartmut Bossel

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Hartmut Bossel, Prof. i.R. Dr. Dipl.-Ing.

Galgenkoeppel 6 B, D 34289 Zierenberg, Germany

Tel +49.5606.8241, Fax +49.5606.534279, H.Bossel@T-online.de

http://home.t-online.de/home/h.bossel/

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